Oxytocin – Metaanalyse zur Behandlung der Autismus-Spektrum-Störung

Die Autismus-Spektrum-Störung (autism spectrum disorder = ASD) nach DSM-5 ist gekennzeichnet durch eine qualitative Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation und durch restriktive und repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten (restricted, repetitive behaviors = RRB). Zur Spezifizierung muss eine Intelligenzminderung bzw. eine Sprachentwicklungsverzögerung differenziert werden. Die Kernsymptome zeigen eine entwicklungspsychologische Variabilität und erhebliche Unterschiede im Ausprägungsgrad, bleiben aber bis in das Erwachsenenalter als persistierende Symptomatik erhalten.

Viele Studien haben sich mit der ätiologischen Bedeutung und dem therapeutischen Potential von Oxytocin auf die Symptome der ASD sowohl im vorklinischen als auch im klinischen Setting befasst. Es konnten mehrere Studien an Tiermodellen zeigen, dass Oxytocin eine positive Wirkung auf das soziale Verhalten, wie z.B. Wiedererkennung, Gedächtnis, Paarverhalten und mütterliches Verhalten, hat.
Im Rahmen von systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, die die intranasale Gabe von Oxytocin bei gesunden Probanden untersucht haben, konnte gezeigt werden, dass es zu einer Verbesserung des Erkennens der emotionalen Gesichtsausdrücke und einer damit verbundenen Verbesserung der individuellen Antwort sowie einem verbesserten Gruppenvertrauen kam.

Das Ziel dieser Studie von Ooi YP et al, 2017 war, den Effekt von Oxytocin in randomisierten kontrollierten Studien (RCT) im Hinblick auf eine Verbesserung der ASD Symptome, v.a. der sozialen Kognition und der RRB qualitativ zusammenzufassen und eine quantitative Zusammenfassung der existierenden randomisierten kontrollierten Studien über die Effektivität von Oxytocin auf die ASD-Symptome bereitzustellen.

Die elektronische Literatursuche wurde mittels PsycINFO, PubMed, Web of Knowledge und EMBASE unter Einschluss von Studien bis Juni 2015 durchgeführt. Für die Meta-Analyse wurden nur Placebo-kontrollierte RCT analysiert, die auf die beiden Kernsymptombereiche soziale Kognition und RRB abzielten.

Es wurden 12 Studien in die qualitative Übersichtsarbeit eingeschlossen, wobei 11 Studien die soziale Kognition mit insgesamt 253 Patienten (Altersbreite: 7–56 Jahre; männliches Geschlecht = 245; IQ > 70) und 4 Studien das RRB mit insgesamt 122 Patienten (Altersbreite: 7–56 Jahre; männliches Geschlecht = 118; IQ > 70) untersuchten.
Im Bereich der sozialen Kognition fanden 7 der 11 Studien eine signifikante und 4 Studien keine Verbesserung. Im Bereich der RRB konnte nur eine Studie eine signifikante und 3 Studien keine Verbesserung zeigen.

Fazit:

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass in dieser Meta-Analyse Oxytocin einen kleinen, aber nicht signifikanten Effekt auf die soziale Kognition hat, während kein signifikanter Effekt auf die RRB zu verzeichnen war.
In diesen Studien, die in die Meta-Analyse eingeflossen sind, wurden v.a. männliche Patienten mit einem high-functioning ASD untersucht.

Die momentane Studienlage zeigt unterschiedliche Effekte für Oxytocin bei ASD, was auch daran liegt, dass eine große Heterogenität bei den Studien vorherrscht (z.B. Einmalgabe vs. Mehrfachgabe von Oxytocin, Pilotstudien, Dosisunterschiede).
Studien an gesunden Probanden und fMRT-Studien konnten ein Potential für Oxytocin bei der Behandlung der Kernsymptome der ASD Symptome nachweisen.
Hinzu kommt, dass Oxytocin leicht appliziert werden kann, kostengünstig ist und geringe Nebenwirkungen hat.
Größere und längere systematische Studien sind nun notwendig, um die Korrelation des Oxytocin-Plasmaspiegels und der Veränderung der ASD-Symptomatologie zu untersuchen.

In Deutschland ist eine Injektionslösung mit Oxytocin zu erhalten, wobei der Anwendungsbereich eindeutig nur auf gynäkologische Symptome beschränkt ist. Nasenspray ist in Deutschland seit 2008 nicht mehr erhältlich. In internationalen Apotheken gibt es Oxytocin-Nasensprays, wobei auch hier der Anwendungsbereich nur für gynäkologische Symptome gilt.

Von einer unkontrollierten Gabe von Oxytocin bei ASD ist zu diesem Zeitpunkt dringend abzuraten. Individuelle Heilversuche unter kontrollierten Bedingungen sind genau zu prüfen.

Literatur:

Ooi YP, Weng SJ, Kossowsky J, Gerger H, Sung M. Oxytocin and Autism Spectrum Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Pharmacopsychiatry 2017; 50: 5–13

Philip Heiser, Nordhausen/Freiburg; [philip.heiser@uniklinik-freiburg.de]
Otto Benkert, Mainz; [otto.benkert@t-online.de]

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