Vareniclin – Neubewertung kardiovaskulärer und neuropsychischer Nebenwirkungen

Vareniclin ist eine der weltweit am häufigsten verschriebenen Substanzen zur Unterstützung der Raucherentwöhnung. Der partielle Agonist am α4β2- nikotinergen Azetylcholinrezeptor (nAChR) steht in Deutschland seit 2007 unter dem Handelsnamen Champix® zur Verfügung. Bezüglich der kardiovaskulären und neuropsychiatrischen Risiken, die bereits seit Einführung von Vareniclin diskutiert werden, liegen nun neue Daten vor. In einer aktuellen (6. Sept. 2011) Meta-Analyse der Daten zum kardiovaskulären Risikoprofil von Vareniclin wurden systematisch die Daten 14 randomisierten, kontrollierten Studien analysiert (Singh S et al. 2011, CMAJ 6; 183(12): 1359-66). In den in die Analyse eingegangenen Studien lagen Daten zu insgesamt 8216 Patienten über eine Behandlungsdauer zwischen 7 und 52 Wochen vor. Hierbei zeigte sich, dass die Vareniclinbehandlung im Vergleich zur Placebobehandlung mit einem 1,72-fach (72%) höheren Risiko assoziiert war, eine schwere kardiovaskuläre Symptomatik (Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzrhythmusstörung oder plötzlicher Herztod) zu erleiden. In absoluten Zahlen zeigten 52 von 4908 Vareniclin-behandelten Rauchern ein kardiovaskuläres Ereignis verglichen mit 27 von 3308 placebobehandelten Rauchern. Umgerechnet auf „numbers needed to harm“ ergab die statistische Analyse, dass bei jedem 28igsten Raucher unter Vareniclinbehandlung ein zusätzliches kardiovaskuläres Ereignis zu erwarten ist.

Das Risiko neuropsychiatrischer Nebenwirkungen wie Depressivität, Agitiertheit und Suizidalität wurde seit Einführung von Vareniclin ebenfalls wiederholt diskutiert. Auch hierzu wurde kürzlich (02. November 2011) eine neue Studie auf Grundlage des Worst-Event-Reporting-System der FDA unter Einbeziehung von 9575 Case Reports zu Vareniclin publiziert (Moore TJ et al. 2011, PLoS One 6(11): e27016. [Epub 2011 Nov 2]). Die Analyse der FDA- Daten zu Vareniclin erfolgte im Vergleich zu den Fallberichten desselben Zeitraums zu Buproprion (1751) und der Nikotinersatztherapie (1917). Insgesamt wurden 3259 Fallberichte zu suizidalem, selbstverletzendem Verhalten oder Depression ausgewertet. Hierbei bezogen sich 90% der Fälle (2925) auf die Behandlung mit Vareniclin, 7% (229) auf die Behandlung mit Buproprion und 3 % (95) auf die Nikotinersatzbehandlung. Im Vergleich zur Nikotinersatztherapie lag die Odds-Ratio für Suizidalität, selbstverletzendes Verhalten oder Depression für Vareniclin bei 8,4 und für Buproprion bei 2,9. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass auf Basis dieser Daten von einem substanziellen, statistisch signifikant erhöhten Risiko von Depressivität und von suizidalem-, selbstverletzendem Verhalten unter Vareniclin ausgegangen werden muss.

Bereits im Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie (8.A) wurden auf S. 502 auf die neuropsychiatrischen Nebenwirkungen hingewiesen. Allerdings wurde betont, dass bisher ein Vareniclin-spezifischer Effekt nicht gesichert werden konnte. Diese Aussage muss nun durch die vorgestellten Untersuchungen revidiert werden.

Klinische Konsequenzen:

Mit beiden Studien liegen nun erstmals belastbare Daten zum kardiovaskulären Risiko und zum Risiko von Depression und suizidalem Verhalten unter Vareniclinbehandlung von Rauchern vor. Die Analysen beider Publikationen bestätigen Befunde aus kleineren vorangehenden Untersuchungen, dass die Behandlung von Rauchern mit Vareniclin substantielle Risiken birgt, die im Einzelfall zu einer Risikoabwägung führen sollte. Hierbei sind auch die gesundheitlichen Konsequenzen eines fortgesetzten Nikotinkonsums zu berücksichtigen. Fällt die Entscheidung für eine Vareniclin-Therapie, so sollten kardiovaskuläre Risikofaktoren wie erhöhter Blutdruck oder erhöhter Cholesterinplasmaspiegel durch eine sorgfältige kardiovaskuläre Diagnostik vor Behandlung ausgeschlossen oder ggf. begleitend therapiert werden. Auch Depressivität und Suizidalität sollten als relative Ausschlusskriterien gelten und im Verlauf der Behandlung regelmäßig geprüft werden.

Falk Kiefer, Mannheim
Otto Benkert, Mainz

Escitalopram – ebenfalls Warnung vor dosisabhängiger Verlängerung des QT-Intervalls

Nachdem Ende Oktober aufgrund von dosisabhängigen Verlängerungen des QT-Intervalls die zugelassene Tageshöchstdosis von Citalopram reduziert und ein Rote-Hand-Brief veröffentlicht wurde (Kompendium-News von 17.11.11: http://www.kompendium-news.de/2011/11/citalopram-warnung-vor-herzrhythmusstorungen-in-hohen-dosierungen/), folgte nun eine entsprechend lautende Warnung auch für Escitalopram als dem S-Enantiomer des racemischen Gemischs Citalopram (http://www.bfarm.de/DE/Pharmakovigilanz/risikoinfo/2011/rhb-cipralex.html).

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Citalopram – Warnung vor Herzrhythmusstörungen in hohen Dosierungen

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat Ende August in einer Warnung bekannt gegeben, dass der SSRI Citalopram aufgrund von möglichen dosisabhängigen Störungen der Erregungsleitung des Herzens (Verlängerung des herzfrequenzkorrigierten QT-Intervalls (QTc)) mit in der Folge potentiell lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen nicht mehr in Dosierungen über 40 mg/Tag angewendet werden sollte. Weiterlesen

Ginkgo biloba – Neue Metaanalyse zur Wirksamkeit bei Demenz

Die Datenlage zu Ginkgo biloba als Antidementivum ist weiterhin nicht einheitlich trotz der langen Anwendungszeit der Substanz seit den 80-er Jahren. In der aktuellen 8. Auflage unseres Kompendiums der Psychiatrischen Pharmakotherapie bewerten wir das Präparat im Einklang mit der gültigen S3-Leitline Demenzen (Stand: 11/2009) (http://www.dggpp.de/documents/s3-leitlinie-demenz-kf.pdf) sowie einer Metaanalyse des Cochrane-Instituts (Birks J, Cochrane Database Syst Rev 2009, 21(1):CD003120) kritisch bei fehlendem Wirksamkeitsnachweis bei Mild Cognitive Impairment (MCI) und Demenz und nicht ausreichender Evidenz für die Demenzprävention. Gingko biloba wird übereinstimmend als Antidementivum nicht empfohlen.

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Paliperidon-Palmitat – Zulassung zur Erhaltungstherapie bei Patienten mit Schizophrenie

Seit März 2011 ist Paliperidon-Palmitat (XEPLION®, Hersteller: Fa. Janssen-Cilag), ein monatlich zu verabreichendes, langwirkendes injizierbares Antipsychotikum, zur Behandlung der Schizophrenie europaweit zugelassen und steht seit kurzem auch für die klinische Behandlung zur Verfügung.

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Methylphenidat – BfArM erweitert Zulassung bei ADHS auch für Erwachsene

Im April 2011 hat das BfArM einer Indikationserweiterung auf Erwachsene, die an ADHS leiden, für das Methylphenidat-Präparat Medikinet adult® zugestimmt. Es ist ein langwirksames Methylphenidatpräparat, welches 50 % der Dosis initial und 50 % verzögert freisetzt. Bis jetzt war die Verordnung off-label. Die Höchstdosis pro Tag sollte dabei 80 mg nicht überschreiten (bei Kindern und Jugendlichen 60 mg).

Die Wirksamkeit und Sicherheit einer Anwendung bei Erwachsenen sei nun hinreichend belegt. Damit ist die Anwendung nicht mehr nur auf Kinder und Jugendlichen ab 6 Jahren begrenzt. Es sind jetzt auch Neueinstellungen bislang nicht mit Methylphenidat behandelter Erwachsener möglich, wenn die ADHS bereits seit dem Kindesalter bestanden hat. Es gilt weiterhin, dass die Anwendung von Methylphenidat im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie, wenn sich andere therapeutischen Maßnahmen allein als unzureichend erwiesen haben, erfolgen muss.

Die Verordnung von Methylphenidat bei Erwachsenen mit ADHS ist laut  mehrerer Leitlinien  das Medikament der ersten Wahl

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Methylphenidat – Neue Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS

Da Methylphenidat auch bei Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) inzwischen zugelassen ist, (s. parallele News: Methylphenidat – BfArM erweitert Zulassung bei ADHS auch für Erwachsene) sind Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zu diesem Wirkstoff auch für die Erwachsenenpsychiatrie wichtig. Weiterlesen

Asenapin – Zulassung zur Behandlung manischer Episoden

Im September 2010 wurde mit Asenapin (SYCREST® Sublingualtabletten) durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) ein weiteres atypisches Antipsychotikum für die Behandlung von mittelstark bis stark ausgeprägten manischen Episoden im Zusammenhang mit einer Bipolar-I-Störung bei Erwachsenen zugelassen. Gemäß einer Exklusivvereinbarung zwischen Lundbeck und Merck erfolgt der Vertrieb von SYCREST® Sublingualtabletten innerhalb der EU durch Lundbeck.

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Reboxetin – nur noch in medizinisch begründeten Einzelfällen zu Lasten der GKV verordnungsfähig

Nachdem das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in seiner Nutzenbewertung von Antidepressiva zu der Schlussfolgerung kam, dass die Wirksamkeit von Reboxetin insgesamt nur unzureichend belegt ist (http://www.iqwig.de/; im Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie Kap. 1.4: Unterschiede im Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil von Antidepressiva bei der depressiven Episode und Kap. 1.13, Präparate), Weiterlesen

Modafinil – Indikation von der EMA auf Narkolepsie bei Erwachsenen begrenzt

Die European Medicine Agency (EMA) hat die Sicherheit und Wirksamkeit von Modafinil [Vigil® (D), Modasomil® (A, CH)] neu beurteilt. Die EMA hat am 19.11.2010 die neuen Empfehlungen seines Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) veröffentlicht.

Der deutsche Hersteller hat danach die Fachinformation zu Modafinil  im  Januar 2011 geändert und einen Rote-Hand-Brief im Februar 2011 verschickt.

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