Risperidon und Paliperidon – Rote-Hand-Brief zum Risiko eines Intraoperativen Floppy Iris Syndrom (IFIS)

Am 09.09.2013 wurde von der Fa. Janssen-Cilag GmbH in Abstimmung mit der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in einem Rote-Hand-Brief über das Risiko eines intraoperativen Floppy Iris Syndroms (IFIS) während einer Kataraktoperation bei Patienten unter Behandlung mit Risperidon oder Paliperidon informiert.
Ein IFIS ist mit einer erhöhten Rate kataraktchirurgischer Komplikationen verbunden, einschließlich Ruptur der hinteren Linsenkapsel und Glaskörperverlust.

Konsequenzen
- Vor einer Operation muss stets die Abfrage von Medikamenteneinnahmen erfolgen, in Hinblick auf geplante Kataraktoperationen spezifisch auch die Einnahme von Risperidon oder Paliperidon.
- Das Absetzen von Risperidon (Risperdal, Risperdal-Consta und Generika) oder Paliperidon (Invega, Xeplion) vor einer Kataraktoperation sollte vom Augenarzt erwogen werden, der potenzielle Nutzen des Absetzens ist jedoch nicht bekannt (Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft 2013) und muss gegen das Risiko einer Unterbrechung der antipsychotischen Therapie abgewogen werden.
- Bei der Durchführung von Kataraktoperationen ist entsprechende Vorsicht geboten; falls der Verdacht auf ein IFIS besteht, sind während der Operation unter Umständen entsprechende Maßnahmen zu treffen, um einen Irisprolaps während der Operation zu verhindern.
- Die Fachinformationen für Arzneimittel, die Risperidon oder Paliperidon enthalten, werden entsprechend überarbeitet.

Hintergrund
Das Risiko für ein IFIS scheint im Zusammenhang mit einem ausgeprägten Antagonismus an adrenergen 1-Rezeptoren (v.a. des Subtyps 1A) erhöht zu sein (Ford et al. 2011), ein zunehmender Einsatz von 1-Rezeptorantagonisten (z.B. Tamsulosin) bei der Behandlung der benignen Prostatahyperplasie (BPH und LUTS, vgl. News vom 20.11.2012) wird seit längerem mit der Zunahme des IFIS-Risikos bei Kataraktoperationen in Verbindung gebracht (Handzel et al. 2012).
Neben direkten antagonistischen Wirkungen am 1-Rezeptor (reduzierte Pupillendilatation, geringere Irismobilität) induziert die Behandlung mit 1A-Blockern offensichtlich ultrastrukturelle Veränderungen im Irisstroma, die zum Vollbild von IFIS führen. Bei intraokularen chirurgischen Eingriffen kann es zu einer „wogenden“ Iris kommen und bei intraoperativ zunehmender Miosis zum Risiko eines spontanen Irisvorfalls (Prolaps) durch einen der Zugänge zur Vorderkammer während der Operation. Besonders bedeutsam sind diese Risiken bei der Kataraktchirurgie (Handzel et al. 2012). Die Komplikationen reichen von einer erschwerten Einsicht in das Operationsgebiet über Irisverletzungen mit den Instrumenten bis zur posterioren Kapselruptur mit Verlust von Linsenteilen in den Glaskörperraum.
Dass andere Medikamente (u.a. Psychopharmaka) mit ausgeprägter 1-antagonistischer Wirkung (z.B. einige trizyklische Antidepressiva und Phenothiazin-Antipsychotika) ebenfalls das IFIS-Risiko erhöhen, muss angenommen werden (Gupta & Srinivasan 2012). Weitere Mechanismen könnten dabei jedoch ebenfalls zum IFIS-Risiko beitragen (Altiaylik et al. 2013).

Literatur

Altiaylik Ozer P, Altiparmak UE, Unlu N, Hazirolan DO, Kasim R, Duman S. Intraoperative floppy-iris syndrome: comparison of tamsulosin and drugs other than alpha antagonists. Curr Eye Res. 2013; 38(4): 480-6.
Ford RL, Sallam A, Towler HM. Intraoperative floppy iris syndrome associated with risperidone intake. Eur J Ophthalmol. 2011; 21(2): 210-1.
Gupta A, Srinivasan R. Floppy iris syndrome with oral imipramine: a case series. Indian J Ophthalmol. 2012; 60(2): 136-8.
Handzel DM, Briesen S, Rausch S, Kälble T. Kataraktchirurgie bei Patienten unter Therapie mit Alpha-1-Antagonisten: Risiken erkennen und Komplikationen vermeiden. Dtsch Ärztebl Int 2012; 109(21): 379-84.

http://www.akdae.de/Arzneimittelsicherheit/RHB/index.html

Matthias J. Müller, Marburg/Gießen

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