Wir haben in diesem Jahr bisher zweimal zum Thema SSRI und Suizidalität Stellung genommen. Antidepressiva – neue Studienergebnisse zu Nebenwirkungen und Entscheidung der FDA
Gibbons et al. Gibbons et al. (Am J Psychiatry 164: 1356, 2007) berichten jetzt, dass seit den ausgesprochenen Warnungen zum Suizidrisiko in den USA und den Niederlanden die Verschreibungsrate von SSRI bei Kindern und Jugendlichen um etwa 22 % zurückgegangen sei. Parallel dazu sei in den Jahren 2003-2005 in den Niederlanden die Suizidrate bei Kindern und Jugendlichen um 49 % angestiegen. Die Autoren sehen eine signifikante inverse Korrelation zu den Verschreibungszahlen der SSRI. In den USA sei in den Jahren 2003-2004 die Suizidrate um 14 % angestiegen. Dies sei die größte Veränderung im Jahr zu Jahr Vergleich, seitdem die Suizidraten seit 1979 systematisch erfasst wurden.
Die Autoren ziehen den Schluss, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen den niedrigeren Verschreibungszahlen der SSRI und den zugenommen Suiziden bei Kindern und Jugendlichen bestehe und prädizieren, dass es bei einer Ausdehnung der Warnung vor Verschreibungen von SSRI auch auf Erwachsene, zu einer deutlichen Zunahme der Suizide kommen könne.
Ob tatsächlich ein kausaler Zusammenhang zwischen den Verschreibungszahlen von SSRI bei Kindern und Jugendlichen und der Suizidrate besteht, wird im Editorial der gleichen Ausgabe von Leckman und King Leckman und King ( Am J Psychiatry 164: 1304, 2007) erörtert. Die Autoren berichten über konträre Daten, wie z.B. über eine zweijährige Studie, die gezeigt habe, dass die Gabe der Antidepressiva bei depressiven Kindern und Jugendlichen signifikant mit den Suizidversuchen und den vollendeten Suiziden – im Gegensatz zu Erwachsenen – assoziiert sei. Außerdem sei das Risiko, eine bipolare Symptomatik zu entwickeln gerade bei Kindern, die über einen längeren Zeitraum mit Antidepressiva behandelt würden, erhöht.
Auf Umweltfaktoren wie Drogenkonsum, Waffenbesitz, Schulprobleme oder aber auch „broken-home“ Konstellationen, die auch in Zusammenhang mit den geschilderten Suiziden stehen könnten, wird in beiden Artikeln nicht eingegangen.
Der Zusammenhang zwischen den Verschreibungszahlen der Antidepressiva und Suizidraten bei Kindern und Jugendlichen ist sicherlich noch nicht abschließend geklärt.
Die psychopharmakologischen Behandlungsempfehlungen für Kinder und Jugendliche mit depressiven Syndromen lauten deshalb gegenwärtig: Für Fluoxetin konnte eine gute Wirksamkeit nachgewiesen werden, ohne dass es auch nur zu einem vollendeten Suizid in den Metaanalysen kam. Fluoxetin sollte nur in Kombination mit Psychotherapie gegeben werden, und die Patienten sollten v.a. zu Beginn der Behandlung regelmäßig psychiatrisch untersucht werden.
Andere Antidepressiva sind zzt. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie allein auf Grund eines nicht gesicherten Wirksamkeitsnachweises nicht indiziert.
Philip Heiser, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, Freiburg
Francesca Regen, Berlin
Ion Anghelescu, Berlin
Otto Benkert, Mainz
