Adipositas – Möglichkeiten der medikamentösen Behandlung in der Psychiatrie

Auch wenn die Adipositas nach ICD-10 und DSM-5 nicht als psychiatrische Erkrankung klassifiziert wird, mehrt sich die wissenschaftliche und klinische Evidenz dafür, dass es sich bei der Adipositas nicht nur um die Folge übermäßiger Nahrungsaufnahme, sondern auch um eine neurobiologische Erkrankung handelt.
Die neueste präklinische Forschung konnte beispielsweise im Tierversuch zeigen, dass das hypothalamische Enzym O-GlcNAc-Transferase in entscheidender Weise zum Sättigungsgefühl und zur Steuerung des Essverhaltens beiträgt. Mäuse, bei denen dieses Enzym ausgeschaltet wurde, begannen in der Folge, ihre Nahrungsaufnahme erheblich zu steigern, und nahmen schnell und übermäßig an Gewicht zu. Dieser Befund ist nicht nur ein wissenschaftlicher Erfolg, sondern er eröffnet mögliche zukünftige Perspektiven für die pharmakologische Behandlung der Adipositas. Weiterlesen

Carbamazepin – Therapiesicherheit bei der Behandlung: HLA-Allele disponieren für UAWs

Mit einer Carbamazepin-Behandlung ist häufiger als bei den meisten anderen Medikamenten das Auftreten eines Stevens-Johnson-Syndroms (SJS) oder einer Toxischen Epidermalen Nekrolyse (TEN) als schwerwiegende unerwünschte Arzneimittelwirkungen bekannt.
Es liegen Daten vor, die darauf hinweisen, dass das Allel HLA-A*3101 bei Personen mit europäischer Abstammung sowie bei Japanern mit einem erhöhten Risiko von Carbamazepin-induzierten unerwünschten Arzneimittelwirkungen der Haut assoziiert ist (McCormack et al. 2011). Weiterlesen

SSRI – Neue Dosis-Wirkungsbeziehung

Bei SSRI ist ein verbesserter Therapieerfolg durch Dosiserhöhungen innerhalb des empfohlenen Dosisbereiches bei der Behandlung der Major Depression bislang nicht angenommen worden. Höhere Dosierungen als die niedrigste wirksame Dosis schienen anhand früherer Studienergebnisse bei fehlendem Wirksamkeitsvorteil hingegen einzig mit vermehrten Nebenwirkungen assoziiert zu sein [1]. Entsprechend wird auch in der 2015 aktualisierten S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ für SSRI bei initial unzureichender Response von einer Anhebung der Dosierung in Abhängigkeit von Verträglichkeit und den Anwendungsempfehlungen im Hinblick auf die hier fehlende Dosis-Wirkungs-Beziehung und Nachteilen in Bezug auf ein möglicherweise erhöhtes Nebenwirkungsprofil abgeraten [2]. Weiterlesen

Paliperidon und Aripiprazol – zwei neue Depotformulierungen von der FDA zugelassen

Paliperidonpalmitat als Dreimonats-Depotformulierung (PP3M)

Nach der Zulassung von Paliperidonpalmitat als 3-Monatsdepot-Formulierung (PP3M) durch die FDA (Juni 2015; Handelsname INVEGA TRINZA [1]) wurde von der Fa. Janssen ein Antrag auf Erweiterungszulassung auch in Europa (EMA) gestellt (geplanter Handelsname in Europa TREVICTA). Die Zulassung in Europa wird für den Sommer 2016 erwartet. Weiterlesen

Flibanserin (Addyi) – FDA-Zulassung zur Behandlung der Hypoactive Sexual Desire Disorder

Als erstes Medikament zur Behandlung von prämenopausalen Frauen mit sogenannter hypoaktiver Sexualfunktionsstörung (Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD) erhielt Flibanserin (Addyi, Fa. Sprout Pharmaceuticals) 2015 die Zulassung der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA, nachdem ein Zulassungsantrag zweimal abgelehnt wurde (Joffe et al. 2015). Eine europäische Zulassung ist derzeit nicht beantragt. Weiterlesen

Guanfacin – Zulassung bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS

Die Retardformulierung von Guanfacin (Intuniv®) ist im Januar 2016 in Deutschland eingeführt worden. Dieses Präparat ist im Rahmen einer umfassenden therapeutischen Gesamtstrategie bei Kindern und Jugendlichen ab einem Alter von 6 Jahren mit ADHS zugelassen, wenn eine Behandlung mit Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetamin) nicht in Frage kommt, unverträglich war oder sich als unwirksam erwiesen hat.
In den USA ist Guanfacin seit 2009, dort auch für Erwachsene, zugelassen, wobei es dort auch in Kombination mit einem Stimulanz angesetzt werden kann. Guanfacin ist nicht BtM-pflichtig. Weiterlesen

Levomepromazin und Asenapin – erhöhtes Risiko für QTc-Verlängerungen und mögliches Risiko für Torsades de Pointes (TdP)

Das konventionelle, niederpotente Antipsychotikum Levomepromazin (z.B. Neurocil), wurde zu einer Liste von Substanzen mit bekanntem TdP-Risiko hinzugefügt. Das neuere Antipsychotikum Asenapin (Sycrest), in Deutschland nur zur Behandlung mäßiger bis schwerer manischer Episoden einer Bipolar-I-Störung bei Erwachsenen zugelassen, wurde als Substanz mit QTc-verlängernder Wirkung und „möglichem TdP-Risiko“ eingestuft (https://www.crediblemeds.org/blog/changes-qtdrugs-lists-novdec-2015/). Weiterlesen

Lurasidon (Latuda) – vom deutschen Markt genommen

Wir hatten am 27.03.2014 in den Kompendium-News über die Zulassung von Lurasidon zur Schizophrenie-Behandlung in der EU berichtet (s. auch Kompendium, 10.A., S. 406-408). Seit November 2014 stand Lurasidon (Handelsname Latuda) auch in Deutschland zur Behandlung von Erwachsenen mit Schizophrenie zur Verfügung.
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat in einer Dossierbewertung überprüft, ob Lurasidon gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie (Amisulprid, Aripiprazol, Olanzapin, Paliperidon, Quetiapin, Risperidon, Ziprasidon; Vergleich v.a. mit Risperidon) einen Zusatznutzen bei der Aktubehandlung und der Rückfallprophylaxe bietet. Mittlerweile hat auch die entsprechend des AMNOG-Verfahrens in Deutschland für Neuzulassungen vorgesehene Zusatznutzenprüfung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) stattgefunden und keinen Zusatznutzen gegenüber den zweckmäßigen Vergleichstherapien ei der Akutbehandlung und der Rückfallprophylaxe festgestellt (Beschluss vom 16.04.2015).

Für die Bewertung der Akutbehandlung (Vergleiche mit Risperidon, Olanzapin oder Quetiapin XR) waren laut G-BA die vorgelegten Studien nicht hinreichend aussagekräftig, bei der Rückfallprophylaxe wurde das Studienziel (Nichtunterlegenheit gegenüber Risperidon) nicht erreicht. Der Hersteller (Takeda) nahm das Präparat am 01.03.2015 vom deutschen Markt. Im ärztlich begründeten Einzelfall können Patienten auch von der GKV die Kostenerstattung nach Antrag für Lurasidon ggf. erhalten, das Präparat ist als EU-Import (z.B. Dänemark) offensichtlich weiterhin erhältlich.
Literatur
https://www.g-ba.de/informationen/nutzenbewertung/147/

https://www.iqwig.de/de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen/lurasidon-bei-schizophrenie-zusatznutzen-ist-nicht-belegt.6543.html

Matthias J. Müller, Marburg/Gießen, [mjmueller@gmx.de]

Vortioxetin – Zusatznutzen vom Gemeinsamen Bundesausschuss nicht anerkannt

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat in seiner Sitzung am 15. Oktober 2015 beschlossen, den Zusatznutzen des seit Mai 2015 in Deutschland erhältlichen Antidepressivums Vortioxetin (Brintellix®) [1, 2] nicht anzuerkennen [3]. Damit folgt der G-BA der Einschätzung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), welches vom G-BA mit der Nutzenbewertung beauftragt worden war und seinen Bericht im August 2015 veröffentlicht hatte [4]. Als „zweckmäßige Vergleichstherapie“ wurde hierbei für leichte depressive Episoden ein „beobachtendes Abwarten“, für mittelgradige und schwere depressive Episoden eine Behandlung „mit einem Antidepressivum aus der Wirkstoffgruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)“ angenommen, ein Zusatznutzen sei hierbei nach Einschätzung des G-BA und des IQWiG für Vortioxetin nicht belegt. Weiterlesen

Galantamin – Meldung schwerwiegender Hautreaktionen

Galantamin ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Acetylcholinesterase-Hemmer (AChEI) und zur Behandlung der leichten bis mittelschweren Alzheimer-Demenz (AD) zugelassen. Daneben verstärkt Galantamin im Gegensatz zu den anderen AChEI Donepezil und Rivastigmin intrinsische Aktivität von Acetylcholin an nikotinergen α7-Acetylcholinrezeptoren. Bekannte unerwünschte Arzneimittel¬wirkungen (UAW) dieser Wirkstoffgruppe resultieren aus einer gesteigerten Aktivität des zentralen und peripheren cholinergen Systems im Sinne von kognitiven Störungen sowie (peripheren) parasympathikolytischen Effekten wie Bradykardien und Synkopen und gastrointestinalen Störungen (Übelkeit, Diarrhöen etc.).
Die Arzneimittelkommission der deutsche Ärzteschaft (AkdÄ) hat nunmehr nach Bekanntwerden von schwerwiegenden dermatologischen Nebenwirkungen einen entsprechenden Risikohinweis veröffentlicht Weiterlesen